Meine Zeit in Montpellier – Ein Erfahrungsbericht zum Französischkurs - ein Reisebericht über die Sprachschule Montpellier von Tobi Fries Besucht von unserem Mitarbeiter Tobi Fries (11/2008) Und plötzlich habe ich mich einen
kompletten Abend auf Französisch unterhalten, obwohl ich es noch nie vorher konnte. L'esprit du vin hat wohl dabei geholfen... Ich habe Französisch nie
einfach gefunden. Vielleicht fiel es mir auch deswegen schwer, weil ich geschickter Weise damals in der Schule Latein gewählt hatte 'es könnte ja sein,
dass man mal Medizin studieren will'. Gut – es hätte auch sein können, dass man sich mal sprachlich ohne Grenzen im damals noch nicht voll zu erwartenden
vereinigten Europa bewegen möchte.
Also muss ich Französisch jetzt nachholen. Eines frühen Sonntagsmorgens also sitze ich gespannt im TGV
von Genf nach Montpellier. Warum ausgerechnet einen Sprachkurs in Montpellier? Warum nicht in Paris oder dem von Genf aus viel näher gelegenen Lyon? Es gab
da mehrere Gründe: Zum einen hatte ich zuvor auf einem Sprachschulen-Workshop in Berlin das Team dieser Sprachschule in Montpellier kennengelernt, mit
denen ich mich auf Anhieb super verstanden hatte. Sie waren jung, locker, aber schienen sehr ernsthaft bei der Sache. Und sie haben mich eingeladen, um
ihre Sprachschule kennenzulernen. Das hätte ich wohl auch bei den anderen Sprachschulen haben können, aber die spontane Sympathie hatte den Ausschlag
gemacht.
Positiv hinzu kam, dass Montpellier etwas weiter abseits liegt und weniger gut mit dem Flugzeug erreichbar ist. Ich hoffte, dass es
dadurch von den ganz großen Touristenströmen verschont geblieben war – meine Hoffnung sollte sich bestätigen. Nach nicht einmal vier Stunden Fahrt im TGV
komme ich in Montpellier an. Sofort bemerkte ich die sandsteinfarbene Bauweise, die so typisch für den Süden ist. Die ganze Stadt scheint unberührt von dem
großen Chaos der Welt und fristet ihr friedliches Dasein fernab von Verkehrsknotenpunkten und globalen Touristen-Treffpunkten. Montpellier ist eine
friedliche Studentenstadt, die viel Charme für's Auge hat und Abends durch die vielen jungen Leute richtig aufdreht.
Ich erreiche meine Gastfamilie unweit vom Bahnhof. Madame Ranson erwartet mich bereits und erklärt mir lachend und
wortreich auf Französisch wie alles funktioniert. Welcher Schlüssel für welches Schloss, die Essenszeiten (die freiwillig sind, aber man sollte vorher
absagen, falls man nicht kommt), den Weg zur Sprachschule, die aufgrund der überschaubaren Größe von Montpellier nicht weit ist. Ich verstehe nicht alles,
obwohl Madame Ranson langsam spricht. In ihrer Wohnung leben noch weitere Sprachschüler: Eine Japanerin und ein Schweizer, außerdem eine Französin, die
gerade eine Ausbildung in Montpellier macht. Die Wohnung ist einfach eingerichtet, aber völlig ausreichend, dazu top-sauber, weil Madame Ranson jeden Tag
reinigte.
Am nächsten Tag komme ich in die Sprachschule. Ich frage mich noch heute, wie Stephanié vom Team der Sprachschule mich erkannt
hat, obwohl wir uns noch nie gesehen hatten. Sie begleitet mich zu einem Raum, in dem bereits einige andere Neuankömmlinge sitzen und auf ihren
Einstufungstest warten. Das erste aber, was verteilt wird sind Orangensaft, Tee und ein bisschen leckeres Gebäck. Lecker. So kommen wir erst einmal alle
ins Gespräch, den keiner kennt hier jemanden, alle sind alleine angereist. Dann beginnen wir den Test, in welchem wir eine Reihe von Fragen zur Grammatik
ankreuzen und Sätze vervollständigen müssen. Ich werde zu meinem Erstaunen in einen Sprachkurs mittleren Niveaus eingestuft, weil ich schon einige Brocken
Französisch konnte. Offenbar mehr als ich dachte.
Schon bei der Ankunft war ich begeistert von dem schönen alten Gebäude der Schule. In den
Klassenräumen kann man die alte Bausubstanz noch viel besser sehen. Hier mussten damals nach Erbauen einmal reiche Familien gewohnt haben. Ich fühle mich
wohl. In meiner Klasse sind mit mir acht Studenten, eine gute Zahl, um selber einmal dran zu kommen, aber auch um die guten und nicht so guten Sachen der
anderen zu hören, um daraus zu lernen. Und genug, um Leute kennenzulernen. Ich sitze neben Robert, einem Holländer. Wir machen verschiedene Übungen. In den
ersten zwei Stunden haben wir eine andere Lehrerin als in den darauffolgenden. Das ist gut so, weil man sich nicht zu sehr an eine einzige Mundart gewöhnt.
Nach dem Sprachkurs fragt mich Robert in ebenso schlechtem Französisch wie meinem, ob ich mit zum Mittagessen kommen möchte. Gern. Es schließen sich noch
zwei andere Studenten an und wir kaufen uns leckere Sandwiches, die wir auf der Treppe der Kathedrale in der Sonne verspeisen. Großartig ist das, denn es
ist November... Nach der Pause hatten einige noch ihre Einzelstunden, bevor man sich am Nachmittag für weitere Aktivitäten traf.
Mit Robert
habe ich mich dann im Laufe der Zeit angefreundet. Wir sind abends weggegangen um ein Gläschen Wein zu trinken und haben uns dabei erstaunlicherweise die
gesamte Zeit auf Französisch unterhalten. Warum auch immer haben wir eine Gruppe Französischer Mädchen kennengelernt, mit denen wir dann noch in andere
Bars gegangen sind. Das war Zufall und nicht von der Schule organisiert. Dennoch haben die meisten Studenten auch am offiziellen Programm der Sprachschule
teilgenommen, die verschiedene Aktivitäten organisiert hatte.
Die Zeit verging wie im Flug: Plötzlich saß ich wieder im Zug, wo mich zwei
meiner Klassenkameraden hingebracht hatten und war vier Stunden später zurück in Genf. Perfekt ist mein Französisch nach diesem kurzen Sprachkurs natürlich
immer noch nicht, aber ich komme seit dem viel besser klar, verstehe Schaffner und Supermarktmitarbeiter, kann mit Leuten auf der Straße reden – und kann
sagen: Ja, es hat etwas gebracht. Für den Spaß und für die Sprache.